Rieke & Co.

Rieke von der Lehrbuchsammlung aus gesehen
Rieke von der Lehrbuchsammlung aus gesehen

 

Schon seit Jahren mit zum Inventar der Veterinärmedizinischen Bibliothek gehört „Rieke“, ein Giraffenskelett, das den eintretenden Besucher aus dem Zeitschriftenfreihandmagazin (ZFM) im Kellergeschoss entgegenblickt. Da uns immer wieder Besucher nach dem imposanten Ausstellungsstück befragt haben, gibt es hier Riekes Geschichte zum nachlesen. Der folgende Text ist keinesfalls vollständig. Hinter dem Verbleib des Giraffenskeletts von 1957 bis zur Eröffnung der Veterinärmedizinischen Bibliothek klafft noch ein weißer Fleck. Den Text haben wir auch der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia zur Verfügung gestellt und kann unter dem Stichwort „Rieke (Giraffe)“ gefunden und frei editiert werden.


Geburt und Überleben im Zweiten Weltkrieg

Rieke (anderen Angaben zufolge „Rike“) wurde Oktober 1938 im Zoologischen Garten von Berlin geboren. Mutter- („Anneliese“) und Vatertier waren als Wildfänge aus dem Gebiet des Turkana-Sees, in Ostafrika, nach Berlin gelangt. Die Tiere wurden seinerzeit in Gittergehegen gehalten und als Powell-Cotton-Giraffen systematisiert, benannt nach dem britischen Zoologen und Entdecker Major Percy Horace Gordon Powell-Cotton (1866–1940). Diese Unterart, nicht mehr als selbstständige Form geführt, wird heute zu den Uganda-Giraffen gezählt. Sie gilt in Tiergärten als am häufigsten gehaltene Giraffenart.

Rieke wuchs mit ihren Eltern auf der Anlage des Antilopenhauses auf. Dort wurden in den 1930er Jahren auch Massai-Giraffen gehalten, es kam aber nur zu einer reinen unterartlichen Zucht. Während des Zweiten Weltkriegs blieb der Zoologische Garten von Luftangriffen nicht verschont. Bei einem schweren Angriff am 22. und 23. November 1943 wurden innerhalb von nur 15 Minuten 30 Prozent des verbliebenen Tierbestands getötet. Auch das Antilopenhaus wurde von Spreng- und Brandbomben zerstört, auf dessen Gelände Rieke und ihre Eltern als einzige verbliebene Giraffen lebten. Die Elterntiere kamen ums Leben. Die fünfjährige Giraffenkuh selbst wurde im Freiauslauf durch einen Bombensplitter leicht am Knie verletzt.

Aufgrund des schweren Luftangriffs, dem an Großtieren unter anderem auch sieben Elefanten, ein afrikanisches Nashorn, sechs Raubkatzen und die Hälfte der Antilopen und Hirsche zum Opfer fielen, blieb der Zoo bis zum 25. Juli 1944 geschlossen. Nach der Ausheilung ihrer Verletzung wurde Rieke am 15. November 1944 in den Tiergarten Schönbrunn nach Wien evakuiert. Unterlagen des Tiergartens Schönbrunn vermerken den Eingang einer weiblichen Giraffe aus dem Zoologischen Garten Berlin allerdings ein Jahr früher, am 16. November 1943. Das Telegramm aus Berlin, datiert vom 10. November 1943 trägt den Wortlaut: „Giraffe abgeht Donnerstagabend Zoo Berlin“. Dieses Tier wurde allerdings in Wien als „Tausch“ geführt.

Ende April/Anfang Mai 1945 wurde der Zoologische Garten bei den Endkämpfen völlig zerstört. Von den am 31. Dezember 1944 in Berlin verbliebenen 900 Tieren in ca. 325 Arten überlebten – nach dem Abzug der russischen Truppen am 23. Mai 1945 aus dem Zoo – nur 91 Tiere in 45 Arten den Krieg.

Evakuierung nach Wien und Rückkehr nach Berlin

Die nächsten acht Jahre verbrachte Rieke auf der Schönbrunner Giraffenanlage, die ebenfalls Kriegsschäden davongetragen hatte, aber noch heute existiert. Erst 1953 sollte das Tier nach Berlin zurückkehren. 1951 hatte der Wiederaufbau des Berliner Antilopenhauses begonnen. Die früheren Gittergehege wurden dabei zu weiträumigen Freianlagen umgebaut. Katharina Heinroth, seit 1945 wissenschaftliche Direktorin des Zoologischen Gartens, hatte nach dem Krieg den damaligen Leiter des Schönbrunner Tiergartens, Julius Brachetka, im Internationalen Verband der Zoodirektoren kennengelernt. Das gute Verhältnis der beiden trug zu einer Rückführung der fünfzehnjährigen Giraffenkuh bei.

Am 18. August 1953 erfolgte der Abtransport Riekes aus dem Schönbrunner Zoo. Unter Anteilnahme der Presse und im Beisein des Wiener Zoodirektors kam das Tier einen Tag später am Bahnhof Berlin-Grunewald an, wo es von Katharina Heinroth empfangen wurde. Die Giraffe gelangte noch am selben Tag in ihren alten Stall im Antilopenhaus, vor dem sich mehrere hundert Besucher einfanden. Rieke weigerte sich jedoch anfangs das Giraffenfreigehege zu betreten. „Des Tier [sic] war auch durch die schönsten Leckerbissen nicht herauszulocken. Nach der weiten Kistenreise gefiel ihr der Stall viel besser; vielleicht erinnerte sie sich auch noch des Bombenschrecks, den sie dort im Freiauslauf erlebt hatte“, führt Heinroth in Erinnerung an die Willkommensfeier in ihrer Autobiografie Mit Faltern begann’s (1979) aus. Rieke war die erste Giraffe im Berliner Zoo nach Kriegsende. Gleichzeitig war sie das einzige evakuierte Tier, das zurückgebracht wurde. 1943/44 waren aufgrund der Kriegswirren etwa 750 Tiere in 250 Arten aus dem Zoologischen Garten Berlin in die Zoos von Breslau, Mülhausen, München, Posen, Prag und Wien evakuiert worden.

Neues Partnertier und Tod

Der Wiederaufbau des Antilopenhauses dauerte noch bis ins Jahr 1956 an. 1954 verlor Rieke an Gewicht und hatte einen schweren Husten. Eine Tuberkulose-Erkrankung wurde bei dem Tier diagnostiziert. Daraufhin wandte Wilma von Düring, die erste Zootierärztin nach dem Krieg, erfolgreich eine „Kur“ an und Rieke nahm wieder an Gewicht zu. Nachdem sie ein Jahr ohne Bakterienbefund geblieben war, wurde ihr mit „August“ ein Partnertier zu Seite gestellt. Der etwa zweijährige Netzgiraffenbulle (Giraffa camelopardalis reticulata) war ein Wildfang aus Tanganjika und wurde dem Zoo durch das Berliner Kaufhaus DeFaKa gespendet. Ein unterartengleiches Tier war nicht zu erhalten gewesen. Anlass der Spende war die Eröffnung der DeFaKa-Filiale in der unweit des Zoos gelegenen Tauentzienstraße, an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Nach dem Eintreffen von August am 22. September 1955 veränderte sich das Verhalten von Rieke. Die über 16 Jahre alte, ruhige und bedächtige Giraffenkuh bemutterte den noch nicht ausgewachsenen Bullen und wurde dabei wachsam und schreckhaft. „Setzte unser August spielerisch zu einem Galopp an, so erschrak sie sichtlich und sauste sofort los. Sie wurde von den Schreckspielen des Gefährten angesteckt“, so Heinroth.

Rieke konnte ihre Lungenkrankheit niemals ganz auskurieren und verstarb, schwer krank, am 25. Februar 1957 im Alter von 19 Jahren. Die West-Berliner Zeitung Tagesspiegel ließ einen Tag nach dem Tod der Giraffe verlauten, dass Rieke „zweifellos zu den ‚prominentesten‘ Zoobewohnern“ gehört hätte. August (Spitzname: „August Drahtbeen“) verblieb allein. Das Tier wurde später gegen einen Massai-Giraffenbullen eingetauscht, während ein weibliches Tier erneut von Kaufhaus DeFaKa gespendet wurde. Das neue Giraffenpärchen wurde wieder auf die Namen Rieke und August getauft.

Eine amüsante Anekdote über die Sektion von Rieke lässt sich Heinz-Georg Klös‘ 1966 erschienenem Artikel Der Tierarzt im Zoo entnehmen, in dem der damalige Direktor des Berliner Zoologischen Gartens u. a. auf das Fehlen eines Lehrbuchs für Zootierheilkunde und das wenige Wissen von Veterinärstudenten über Zootiere eingeht. „Ein Veterinärstudent lernt in den neun Semestern seines Studiums Pferde und Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine, Hunde und Katzen und eventuell Geflügel zu behandeln – und damit hat er vollauf zu tun. Von der Anatomie eines Flußpferdes, einer Giraffe oder etwa eines Faultieres hat er keine Ahnung, und kann er verständlicherweise im Rahmen der Pflichtvorlesungen nichts erfahren. Welch ein verständlicher Schock, wenn so ein armer Staatsexamenskandidat, angefüllt mit Wissen über das Innenleben der Haustiere, ahnungslos in den Sektionssaal kommt und plötzlich einer toten Giraffe gegenübersteht! Das geschah 1957 in Berlin, als die uralte Giraffenkuh Rieke gestorben war. Trotz des Schreckens wurde es eine recht vergnügte und interessante Prüfung, denn auch die Professoren standen vor Neuland.“


Rieke ist nicht das einzige Tierskelett, das man in der Veterinärmedizinischen Bibliothek besichtigen kann. Ein paar Meter von ihr entfernt steht das Skelett eines Pferdes, dessen Name aber nicht überliefert ist. Ebenfalls ein sehr prominentes Tierskelett ist im Institut für Veterinär-Anatomie untergebracht – dabei handelt es sich um „Condé“, das Lieblingspferd Friedrichs des Großen.