Gurlt's Lebenslauf

Mehr über Gurlts Leben

Gurlt wurde 1794 in Schlesien geboren und erhielt seine schulische Ausbildung durch den Dorfpfarrer. Anschließend trat er eine Apothekerlehre an und leistete seinen Militärdienst ab. Obwohl Gurlt kein Maturum (Abitur) abgelegt hatte, war es ihm möglich, im Jahre 1814 ein Medizinstudium an der Universität Breslau zu beginnen.

Dort wurde er durch den Anatomen A. W. Otto gefördert, der ihm die Stelle eines Gehilfen im anatomischen Institut anbot, wo Gurlt im Jahre 1819 auch promoviert wurde. Er hatte die Absicht, ein Studium der Tierheilkunde in Wien anzuschließen und reiste zunächst nach Berlin. Dort stellte er sich dem bekannten Physiologen Rudolphi vor, der ihm dringend die Übernahme einer Repetitorstelle an der Berliner Tierarzneischule empfahl. Gurlt änderte seine Pläne und nahm die Stelle an.

An der Tierarzneischule sollte er die Anatomie der Haustiere lehren, was ihm zunächst einige Mühe bereitete, denn er musste sie erst selbst erlernen. Angesichts des Mangels an Lehrbüchern war dies nicht gerade leicht. So entschloss sich Gurlt (mit noch nicht 27 Jahren!) zur Herausgabe eines eigenen Lehrbuches, dem "Handbuch der vergleichenden Anatomie der Haus-Säugethiere", einem zweibändigen Werk mit über 800 Seiten.

Diese Leistung war das Resultat seines außergewöhnlichen Engagements, gepaart mit strenger Selbstdisziplin und großem Fleiss. Diese Eigenschaften zeichneten ihn ein Leben lang aus, und ohne sie wäre sein umfangreiches Schaffenswerk nicht möglich gewesen.

Da die Lehrtätigkeit die Zeit zwischen 8 und 16 Uhr beanspruchte, widmete er die Zeit zwischen 5 und 8 Uhr und von 16 bis 23 Uhr der Arbeit an seiner vergleichenden Anatomie.

Neben dieser Tätigkeit wurde seine Schaffenskraft durch weitere arbeitsintensive Aufgaben in Anspruch genommen. Er schrieb umfangreiche Gutachten, prüfte Kandidaten, war Mitglied in der "Ober-Examinations-Commission" und in 24 nationalen und internationalen medizinischen und veterinärmedizinischen Gesellschaften. Seine Arbeit als Technischer Direktor der Tierarzneischule verschlang zusätzlich eine beachtliche Zeit.

Gurlt erlebte im Jahre 1868 sein 30jähriges Dienstjubiläum und ließ sich 1870 in den Ruhestand versetzen.

Er starb 1882 im 88. Lebensjahr.

 

Gurlt privat

Im Gegensatz zu seinem beeindruckenden wissenschaftlichen Werk war E. F. Gurlt im Privatleben ein bescheidener Mensch, der gesellschaftlichen Pflichten nur unter Zwang nachkam. Er war kaum imstande, eine auch nur kurze Tischrede zuhalten und empfing und machte keine Besuche.

Er heiratete im Jahre 1824 und hatte mit seiner Frau drei Söhne und eine Tochter. Einer der Söhne, Ernst Gurlt jr., trat in seine Fußstapfen und wurde ein erfolgreicher Chirurg und Wissenschaftler.

Trotz seiner aufreibenden Tätigkeiten (das Wort Stress war damals noch unbekannt) erreichte Gurlt ein hohes und nahezu beschwerdefreies Alter. Auch nach Beendigung seiner Dienstzeit nahm er aktiv an wissenschaftlichen Veranstaltungen teil und setzte seine wissenschaftsliterarische Arbeit fort.

 

Gekürzt aus SMOLLICH, ALFRED: Ernst Friedrich Gurlt. Gegenbaurs morphol. Jahrb.134 (1988) 4, S. 575-583