Condé Artikel Teil 4

Vierter Teil

 

Das Alter eines Pferdes kann vorrangig am Abrieb der Zähne abgeschätzt werden.
An "Condés" Schädel ist der Zahnabrieb zwar erheblich, aber weniger als erwartet.
Wenn man nämlich berücksichtigt, daß die drei paarigen (linken und rechten) Schneidezähne, nämlich die mittelständigen Zangen, die Mittelschneidezähne und die Eckschneidezähne nach Beendigung ihres Wachstums eine ursprüngliche Länge von ca. 18, beziehungsweise 14, beziehungsweise 20 mm aufweisen, und der Zahnabrieb mit 3, bzw. 4, bzw. 5 Jahren beginnt und pro Jahr ca. 2 mm beträgt, dann dürften nach einem einfachen Rechenexempel die Schneidezähne des 38jährigen "Condé" restlos abgerieben sein. "Condé" besaß jedoch an seinem Todestag, am 18. April 1804, noch alle Schneidezähne, die deutlich über das Niveau des Zahnfleisches hinausragten, auch wenn sie gemäß Beschreibung des berühmten Anatomen Gurlt aus dem Jahre 1838, nur noch locker in den knöchernen Zahnfächern steckten. An den Backenzähnen ist nach den Regeln der Zahnaltersschätzung die zunächst schmelzfaltige, rauhe Kaufläche zunehmend und im Alter von 18 Jahren vollständig geglättet.
In Anbetracht des sehr hohen Alters überrascht es, daß "Condés" Kauflächen zwar weitgehend, aber nicht vollständig, geglättet sind. Einen senilen Zahnausfall hatte "Condé" nicht zu beklagen. Bei alleiniger Beurteilung des Gebisses würde man das edle Reitpferd jünger schätzen, als es an seinem Todestag (38jährig) war. Wieso nun diese Sonderstellung? Der Zahnabrieb wird besonders durch Rauhfutter (Heu) vorangetrieben.
Ist es möglich, daß der Liebling des Königs weniger Rauhfutter verzehrte als seine weniger bevorzugten Artgenossen? Überliefert wurde, daß "Condé" während seines Aufenthaltes in Sanssouci persönlich vom großen Preußenkönig mit Zuckerstückchen sowie Feigen und Melonen aus der Orangerie - also nicht gerade mit Rauhfutter - verwöhnt wurde. Auch später während seines Aufenthaltes in der Königlichen Tierarnzeischule in Berlin konnte "Condé" ausgewählte weiche Gräser geniessen, die ihm auf großen gepflegten und üppigen Koppeln zur Verfügung standen.

Der beneidenswerte Gesundheitszustand von "Condé" war unter anderem auch das Resultat guter Ernährung. Daß Merkmale typischer "Berufskrankheiten" vieler heutiger Reitpferde am Skelettsystem von "Condé" nicht vorkommen, ist sicherlich das Resultat vernünftiger Trainings- und Leistungsanforderungen, wurde doch "Condé" erst als 11jähriger zugeritten und zur intensiven Gangart veranlaßt, heute kaum noch vorstellbar! Selbst die Strahlbeine am Huf - Prädilektionsstellen häufiger und ernsthafter Erkrankugen, besonders nach Überbelastungen der Reitpferde - lassen am Skelett von "Condé" keinerlei Degenerationserscheinungen erkennen. Auch krankhafte Knochenzubildungen (Exostosen) als Folgen von Überstrapazierungen mit der Bildung von "Insertions-desmopathien" (chronische Entzündungen an Band- und Sehnenansätzen) sind ausgeblieben. Fehlanzeige auch beim Phänomen des "kissing spine", der entzündungsauslösenden Berührung benachbarter Wirbeldornfortsätze, als typisches Zeichen eines Senkrückens bei allzu frühem Trainings- und Leistungsbeginn der heutigen Reitpferde.

Der Nasenriemen des Reithalfters rieb offensichtlich so dauerhaft und intensiv, daß die darunterliegende Knochenplatte des Nasenbeins tief eingedellt und papierdünn, stellenweise sogar löchrig ist - ein deutliches Zeichen von Knochenschwund infolge anhaltender Druckbelastung (Knochen-Druckatrophie). Diese Veränderungen zeugen davon, daß "Condé" sehr oft in sein Reiterzeug eingespannt wurde und offenbar auch unsanft gezügelt wurde.

Das markante Knochenrelief läßt die Schönheit eines edlen Pferdes erkennen. Attribute, die für "Condé" zweifelsfrei zutrafen. Allein aus dem Knochenbau ist jedoch die eingangs gestellte Frage, ob "Condé" dem Künstler Rauch für die Gestaltung des Reiterstandbildes Modell stand, nicht zu beantworten. Ein zeitgenössischer Kupferstich des Künstlers Wolf, der neben dem Skelett das Anatomische Museum schmückt, ist für die Beurteilung des Exterieurs von "Condé" schon viel aufschlußreicher. Aber allein der Pferdeschweif, der nach dem Gespött von Zeitgenossen die am Denkmalssockel - unter der Pferdekruppe - völlig fehlplazierten Größen der Wissenschaft befächelt, läßt vermuten, daß "Condé" wohl doch nicht Modell stand, zumal das bekannte Reiterstandbild erst viele Jahre nach dem Tod des großen Preußenkönigs und wenige Jahrzehnte nach dem Tod des "Condé" vollendet wurde.

 

Artikel veröffentlicht in:

Budras, Klaus-Dieter, und Rolf Berg: Einmal quer durch den runden Salon von Sanssouci. Condé - das letzte Leibreitpferd Friedrich II von Preußen als Zeitzeuge der Geschichte Preußens und der Veterinärmedizin in Berlin. Reiten und Zucht in Brandenburg, 1 (1998), 20-22.